Die Reemtsma-Entführung aus der Sicht des Sohnes - Wir sind dann wohl die Angehörigen von Johann Scheerer

Johann Scheerer ist ein Neuling in der Literatur-Szene. Das erkennt man u. a. daran, dass die beiden Interview-Termine auf der Leipziger Buchmesse 2018 zwar gut besucht, aber nicht übermäßig voll sind, obwohl sein Erstlingswerk „Wir sind dann wohl die Angehörigen“ auf Platz 19 der Spiegel Bestseller-Liste eingestiegen ist. Würde der 35-Jährige Musikproduzent aus Hamburg den Nachnamen seines Vaters tragen, hätten die Gespräche wohl noch mehr Menschen angezogen: Scheerer ist der Sohn von Publizist und Mäzen Jan Philipp Reemtsma, der 1996 Opfer einer Entführung wurde. Über diese 33 Tage berichtet der damals 13-Jährige erstaunlich offen in dem als Roman deklarierten Buch.

Buchcover "Mein Herz in zwei Welten" von Jojo Moyes

Vogelgezwitscher an einem erwachenden Frühlingstag – eine Stimmung, die für die meisten von uns mit positiven Emotionen behaftet ist, sorgt bei Johann Scheerer noch heute für beklemmende Gefühle: „Es war der 25. März 1996, es war Frühling, und mein Leben sollte von da an ein anderes sein.“ An diesem Morgen erfährt der 13-Jährige Junge, der bis dahin ein vollkommen unbeschwertes Leben führte, dass sein Vater in der Nacht entführt wurde und ein Lösegeld von 20 Millionen Mark gefordert wird. Aus anfänglichen erwarteten vier Tagen werden 33 zähe Tage, die Scheerer auch nach 22 Jahren noch erstaunlich genau in Erinnerung hat. Wie sein Vater die Entführung erlebte, weiß der geneigte Leser bereits seit dessen Werk „Im Keller“, das noch in den 1990er Jahren erschienen ist. Doch wie ergeht es den Angehörigen, die Zuhause sitzen, umringt von Polizei und den engsten Vertrauten, ein so schwerwiegendes Geheimnis bewahren müssen und unterdessen auf ein Lebenszeichen sowie Anweisungen der Entführer warten? Wie geht ein Teenager mit einer solchen Situation um, in der sich Langeweile mit quälender Angst verbindet? „Vor zwei Stunden hatte ich noch Angst vor einer Lateinarbeit gehabt. Nun hatte ich Angst davor, dass wir eine Entscheidung trafen, die zum Tod meines Vaters führen würde.“ 

 

Emotional, mitreißend und zuweilen sogar amüsant schildert Scheerer von der Zeit, die sein Leben für immer veränderte. Hatte er bisher ein Leben geführt, in dem Geld schlichtweg keine Rolle spielte– weder im positiven, noch negativem Sinne – beginnt er sich nun erstmals Gedanken darüber zu machen, wie die Welt außerhalb der zwei Häuser in Hamburg Blankenese mit Elbblick seine Familie sieht. „Was glaubten die Leute, wie wir unsere Tage verbrachten? Mit Dingen wie Sektkühlern, Jacuzzis und einem Teppichboden, in dem man ganze Haustiere verstecken konnte? War mein Vater aufgrund solcher Vorstellungen entführt worden?“ Bis zum Zeitpunkt der Entführung gab es auf dem Grundstück der Familie weder Alarmanlage noch Sicherheitsdienst. Nicht einmal ein richtiger Zaun war installiert und die Gartentür stand für Scheerers Schulfreund Niklas stets offen, damit dieser eine Abkürzung zur Schule nehmen konnte. Diese Sorglosigkeit ist mit dem Tag der Entführung passé und die Tage voller Lagebesprechungen mit der Polizei, gescheiterten Geldübergaben und Stunden voller Fernsehen ziehen sich für den Jungen wie Kaugummi. Die Briefe des Vaters, die die Familie erreichen und im Wortlaut im Buch abgedruckt sind, sorgen selten für Erleichterung, sondern verschlimmern die emotionale Lage sogar noch. Scheerer schildert detailliert die innere Zerrissenheit, mit der er beständig zu kämpfen hatte, wenn er den Wünschen seines Vaters nicht nachkommen kann, z. B. das Lied „Langweilig“ von den Ärzten auf der Gitarre zu spielen. Nur mit Valium findet er noch in den Schlaf. Versuche am Alltag in der Schule teilzunehmen, scheitern kläglich. Der Junge fühlt sich als Alien in einer fremden Galaxie. Niemand weiß von seinem Leid, mit keinem darf er offen sprechen.

 

 

Johann Scheerer im Interview mit Julia Encke bei der Leipziger Buchmesse 2018
Johann Scheerer im Interview mit Julia Encke bei der Leipziger Buchmesse 2018

Die Situation wird zunehmend zermürbend, eine Geldübergabe nach der anderen scheitert, die Polizei macht offensichtliche Fehler und nach und nach verlassen auch die engsten Vertrauten das Haus, was den Autor noch mehr verunsichert. Von Anfang an glaubt er nicht an einen glücklichen Ausgang der Geschichte, was sich mit jedem Tag mehr zu bestätigen scheint. Schließlich nimmt die Mutter Ann Kathrin Scheerer das Ruder selbst in die Hand und organisiert mit Hilfe von Freunden und Bekannten und ohne Wissen der Polizei die erfolgreiche Geldübergabe, die letztendlich zur Freilassung von Jan Philipp Reemtsma führt. Doch die Familie ist für immer gezeichnet. Nicht nur das Opfer, auch Mutter und Sohn sind „Veteranen“ dieser Entführung, das zeigt der autobiografische Roman beeindruckend auf. In einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung schildert Scheerer, der inzwischen selbst Vater ist, dass er bis heute kein Babyfon im Schlafzimmer ertragen könne, da ihn das Knacken an die verzerrten Telefon-Stimmen der Entführer erinnere. Die Perspektive eines Angehörigen, zumal eines pubertierenden Jugendlichen, ist nicht nur neu, sondern auch hochspannend. Scheerer erlaubt tiefe Einblicke in sein Gefühlsleben und die Vater-Sohn-Beziehung und reißt den Leser so von Beginn an mit.  

 

Fazit: Scheerer schreibt authentisch, emotional und mit einer gewissen Komik, die die dramatische Situation für den Leser fast greifbar machen. Er erzählt flüssig und schnörkellos. Ein gelungenes Erstlingswerk und unbedingt lesenswertes Buch. Übrigens auch in einer schönen Schrift gedruckt, die ein wenig an ein Schriftstück aus der Schreibmaschine erinnert.


 

 

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