Die trügerische Dorfidylle – Juli Zehs Unterleuten

Zahlreiche Loblieder sind auf Juli Zehs ersten Gesellschaftsroman nach seinem Erscheinen im vergangenen Jahr bereits gesungen worden. Auf der Leipziger Buchmesse 2016 konnte man selbst eine Stunde vor Lesungsbeginn keinen Platz mehr ergattern, um der mehrfach ausgezeichneten Autorin bei der Lektüre aus ihrem neusten Werk zu lauschen. Und so kommt es wohl, dass mich das Buch mit seinen 635 Seiten erst mit einem Jahr Verspätung an meinen Lesesessel gefesselt hat.

Die Zugezogenen...

Zum ersten Mal seit 20 Jahren ziehen mehr Deutsche aus den großen Metropolen weg als zu“, meldete Spiegel Online im vergangenen Jahr. Und „Land“ meint dabei wirklich ländliche Gegend, nicht Hamburger Speckgürtel, wo man mit der S-Bahn nach 30 bis 40 Minuten Fahrt wieder mitten drin ist im Stadttrubel. Billigerer Wohnraum und mehr Ruhe sollen die Gründe für die Landflucht der Städter sein. So geht es auch der 30-jährigen Jule und ihrem Mann 20 Jahre älteren Mann Gerhard, die gemeinsam mit ihrem Baby Sophie aus dem hektischen Berlin in das Brandenburgische Unterleuten ziehen: „Berlin lag nur eine Stunde entfernt und war doch weiter weg als der Mond.“ Die ersten beiden Protagonisten von einer Vielzahl, die im Laufe des Romans auftauchen, suchen ihr Glück in der Dorfidylle. Der ehemalige Professor will sich hier als Vogelschützer profillieren, die ehemalige Studentin interessiert sich nur für ihren Nachwuchs und allenfalls am Rande für ihren Mann. Und schon auf den ersten Seiten wird klar: So ganz einfach wird es abseits von den eigenen zwischenmenschlichen Problemen nicht, sich in ein jahrzehntelang gewachsenes soziales Geflecht von Dorfbewohnern einzufügen, die alle ihrer eigenen Geschichten, Rivalitäten und Eifersüchteleien mit sich herumtragen. Besonders schwierig wird es, wenn man es sich gleich in den ersten Wochen mit dem Nachbarn verscherzt – so wie Jule und Gerhard.

 

Auch auf der Suche nach dem Glück auf dem Land, aber ein Paar ganz anderer Art sind Linda und Frederik. Sie, eine resolute junge Frau, mit allen Wassern gewaschen, will eine Pferdezucht in Unterleuten errichten. Er, ein Computer-Nerd mit wenig Selbstbewusstsein, pendelt zwischen Berlin, wo er im Start-up seines Bruders arbeitet und Unterleuten, wo einer nur seiner Freundin zuliebe in das neue Liebesnest mit eingezogen ist. „Wenn es Frederik nicht gelungen wäre, Linda zu erobern, hätte sich sein ganzes Leben zwischen Bildschirm, Späti, Eckkneipe und Dachwohnung über dem Landwehrkanal abgespielt.

 

...treffen auf die Einheimischen

Eigentlich hätten beide Paare jeweils schon ausreichend Probleme mit sich selbst, aber durch den geplanten Bau einer Windkraftanlage im Dorf, die alle angeht, kommen sie mehr und mehr in Kontakt mit den Dorfbewohnern und ihren Eigenheiten, was auch ihre eigenen Unzulänglichkeiten immer deutlicher hervortreten lässt. Zeh gesteht allen Protagonisten zu, ihre Gedanken in eigenen Kapiteln zu beschreiben. So wechselt der Leser innerhalb von 62 Kapiteln, verteilt auf sechs Romanteile, immer wieder die Perspektive und erfährt Stück für Stück mehr über die Hintergründe der Dorfgeschichte und ihrer Bewohner. „Hätte man die Beziehungsfäden sichtbar machen können, welche zwischen den Anwesenden hin und her liefen, wäre für den Uneingeweihten ein undurchschaubares Knäuel zum Vorschein gekommen.“ 

 

Dieser ständige Wechsel zwischen den einzelnen Figuren macht einen großen Reiz des Romanes aus, denn man erfährt immer nur häppchenweise mehr darüber, warum beispielsweise der mürrische Altkommunist Kron am Gehstock eine so tiefgreifende Feindschaft zu Gombrowski, den Besitzer der „Ökologica“, einer landwirtschaftlichen GmbH, pflegt. Wie immer geht es dabei unter anderem um unerfüllte Liebe, aber eben auch um die DDR-Vergangenheit mit der Enteignung von Land und den neuerlichen Umbruch nach der Wende, aus der nur einer der alten Männer als Gewinner hervorging. Dennoch haben beide in ihrem Lager großen Einfluss: „Menschen wie Gombrowski oder Kron hatten über die Jahre so gewaltige Gefälligkeiten-Konten angehäuft, dass sie jederzeit von jedermann fast alles verlangen konnten und folglich mehr Einfluss besaßen als jede Behörde.“ 

 

Der geplante Bau der Windkraft-Anlage dient Zeh als Anlass, alle Dorfbewohner, alte und junge, Einheimische und Zugezogene, ehemalige DDR-Bürger und „Wessis“, zusammenzubringen und die schwelenden Konflikte zwischen den Menschen eskalieren zu lassen. Ein verschwundenes Kind und Mord, der nach Jahrzehnten aufgedeckt wird, spielen dabei fast eine Nebenrolle. 

 

Der Roman spielt im Sommer 2010. Zwei Monate taucht der Leser in die Dorfwelt von Unterleuten ab, in der „Rauchen und Trinken nicht als Laster, sondern als Hobby“ gelten und der Groll gegen die Menschen aus den alten Bundesländern noch längst nicht abgeklungen ist: „Westdeutsche besaßen ein unglaubliches Talent zur Selbstüberschätzung“. Die Autorin versteht es gut, die Geschichte voranzutreiben ohne zu hetzen – und doch sind die über 600 Seiten erstaunlich schnell gelesen, was auch an dem unprätentiösen Schreibstil liegen mag. Wer wie ich ein Faible für Soziologie hat, wird an diesem Roman sicherlich seine Freude haben – und sich danach genau überlegen, ob das Dorfleben das Richtige für einen selbst ist. 

 

Fazit: "Unterleuten" ist eine kurzweilige und spannende Lektüre, die ich gerne weiterempfehle. Für Krimifans, die ein schnelles Tempo und Cliffhanger nach jedem Kapitel gewöhnt sind, fällt der Roman eher in die Kategorie "Entschleunigung" - wie es auch das Dorfleben verspricht. Aber es lohnt sich!


 

 

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