Wenn unsere wichtigste Ressource zur Neige geht - Die Geschichte des Wassers von Maja Lunde

Nachdem mich „Die Geschichte der Bienen“ schon sehr beeindruckt hat, habe ich mich auf den zweiten Teil des Klima-Quartetts von Maja Lunde „Die Geschichte des Wassers“ unheimlich gefreut. Statt drei Erzählstränge gibt es diesmal nur zwei miteinander verknüpfte Geschichten. 

Buchcover "Die Geschichte des Wassers" von Maja Lunde

„Die Geschichte des Wassers“ beinhaltet zum Vorgängerbuch keine Rückschau in ein früheres Zeitalter. Wir befinden uns direkt in der Gegenwart: in Norwegen 2017. Die fast 70-Jährige Signe kehrt nach jahrelangem Kampf für die Umwelt in ihr Heimatdorf Ringfjorden zurück. Nur wenige schöne Erinnerungen aus der Kindheit verbindet sie mit der Gemeinde am Gletscher. Hier ließen sich nicht nur ihre Eltern nach bitteren Ehejahren scheiden. Hier fand sie nicht nur ihre große Liebe, genau hier verlor sie sie auch wieder. Beide Trennungen sind mehr oder weniger auf die dortigen Naturgewalten, den Fluss und den Gletscher, zurückzuführen. Jeweils eine Partei war bereit, die Schönheit und den Nutzen der natürlichen Gegebenheiten dem Profit unterzuordnen. Bis heute kann Signe damit keinen Frieden finden – weder ihrer toten Mutter noch Magnus, der Liebe ihres Lebens verzeihen. Ausgerechnet der Mann, mit dem sie ihr Leben einst verbringen wollte, lässt nun zu, dass der Gletscher noch weiter ausgebeutet wird. „[…] seine ganze Generation, meine Generation, alle wünschen sich nur edlere Weine, größere Häuser, ein schnelleres Internet.“ Als Signe die Auswirkungen dessen gewahr wird, macht sie sich auf eine abenteuerliche Reise mit ihrem Segelboot, um Magnus, der längst sein Heimatdorf verlassen hat, um in Frankreich die Sonne seines Ruhestandes zu genießen, zur Rede zu stellen. 

 

In Frankreich befinden wir uns im zweiten Erzählstrang, allerdings 14 Jahre nach Signes Rachefahrt. Das Land ist vertrocknet, schon Wochen oder Monate hat es nicht mehr geregnet. Das Trinkwasser wird knapp und die Menschen aus dem Süden flüchten gen Norden in die sogenannten „Wasserländer“. Der junge Vater David mit seiner kleinen Tochter Lou sind vor einem Brand in ihrer Heimatstadt geflüchtet. Im Chaos der alles vernichtenden Flammen haben sie Anna, Davids Frau, und den gemeinsamen Sohn August verloren. Jede Hoffnung, dass es die beiden vor David und Lou in das anvisierte Flüchtlingscamp geschafft haben könnte, zerschlägt sich. Der Vater, der sein Geld damit verdiente Salz aus dem Meerwasser zu filtern, um es trinkbar zu machen, kann und will sich mit dem Gedanken an den Tod seiner Frau und Mutter seiner Kinder nicht abfinden. Doch für Lou muss er stark sein. Die Situation im Flüchtlingscamp spitzt sich zu, Wasservorräte und Mahlzeiten schrumpfen, die Bewohner werden aggressiver, während Lou in einer Frage die ganze Misere, die ihren Ursprung in der heutigen Zeit hat, zusammenfasst: „Wie kann jemand überhaupt Wasser besitzen?“ David sucht außerhalb des Camps nach einer Beschäftigung für sich und seine Tochter und wird im Garten eines alten verlassenen Hauses fündig: Signes Segelboot. Kann dieses Boot mitten in vertrocknetem Land ohne Aussicht auf Regen ein Stück Hoffnung sein?

 

Maja Lunde hat dieses Werk mit genauso viel Liebe verfasst wie den Vorgängerroman. Dass ich im Vergleich der beiden den Bienen einen winzigen Vorzug geben würde, ist wohl eher der Tatsache geschuldet, dass mir bei der „Geschichte des Wassers“ dieser besondere Überraschungsmoment fehlte. Die Erzählweise ist gleicherweise mitreißend und auch dieses Buch habe ich in wenigen Tagen verschlungen. Auch die Botschaft regt erneut zum Nachdenken an. Dennoch war ich von der „Geschichte der Bienen“ ein wenig mehr angetan, vielleicht weil ich die Aufteilung der Geschichten in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ein wenig ansprechender fand. Die Vergangenheit wird zwar durch Signes Sichtweise auch thematisiert, dadurch kommt aber die Gegenwart meiner Meinung nach ein wenig zu kurz. Das Ende ließ mich ein wenig ratlos zurück, wie es mit den Figuren wohl weitergehen wird. Aber vielleicht erfahren wir am Ende des Buch-Quartetts noch etwas dazu. 

 

 

Fazit: Ebenso wie „Die Geschichte der Bienen“ eine absolut lesenswertes Buch, welches ein Nachdenken weit über die Lektüre hinaus provoziert. Maja Lunde hat einen Schreibstil, der mir persönlich sehr zusagt und ihre Themen sind hochaktuell. Ich freue mich schon auf die weiteren beiden Teile des Klima-Quartetts!


 

 

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