Die Natur lässt sich nicht zähmen - Die Geschichte der Bienen von Maja Lunde

Vom Bienensterben hat wohl jeder schon einmal gehört. Bisher habe ich diese Nachrichten nur mit einem Auge und Ohr verfolgt und mich nicht weiter darum gekümmert – bis ich Maja Lundes „Die Geschichte der Bienen“ gelesen habe. Sie zeigt mitreißend auf, welche ernsten Folgen es für die Menschheit hat, wenn wir nicht endlich lernen, mehr auf die Natur und ihre Geschöpfe Rücksicht zu nehmen, statt ständig auf Gewinnmaximierung zu schielen.

Buchcover "Die Geschichte der Bienen" von Maja Lunde

China im Jahr 2098: Tao, Ehefrau und 28-jährigeMutter eines 3-jährigen Sohnes, geht Tag für Tag ihrem genauso eintönigen wie anstrengendem Job nach. In mühevoller Handarbeit bestäubt sie die Blüten von Bäumen, damit diese Früchte tragen. Was früher einmal ganz unbemerkt die Bienen erledigten, wird nun von tausenden Arbeitern, darunter auch schon kleinen Kindern, für einen Hungerlohn erledigt. Seit die Bienen in den 1980er Jahren in China verschwanden, wurde dort die Handbestäubung derart perfektioniert, dass man damit bessere Ergebnisse erzielte als es die kleinen Insekten selbst nach ihrer Rückkehr gekonnt hätten. „Weil wir Vorreiter in Sachen Umweltverschmutzung gewesen waren, wurden wir später zu Vorreitern der Handbestäubung. Ein Paradox hat uns gerettet“, erklärt Tao ihre Lebensumstände Ende des 21. Jahrhunderts. Da der Hunger auf der Welt das dringlichste Problem ist, lernen selbst Kinder nur noch Zahlen und einige Schriftzeichen, ansonsten dient die Schule nur „der Verwahrung und Vorbereitung auf das Leben hier draußen. […] Ihre Feinmotorik wurde geschult, ab einem Alter von drei Jahren knüpften sie Teppiche. Die kleinen Finger eigneten sich zur Fertigung raffinierter Muster ebenso hervorragend wie zur Arbeit hier draußen auf den Feldern.“ 

Tao, die sich ein zweites Kind wünscht und dafür gemeinsam mit ihrem Mann jeden Yen spart, bemüht sich in ihrer raren Freizeit, ihrem Sohn Wei-Wen so viel Wissen wie möglich zu vermitteln, damit ihm dieses Schicksal erspart bleibt. An einem der wenigen freien Tage lässt sie sich jedoch dazu hinreißen mit ihrer Familie einen Ausflug in die Felder zu machen, um die Sonne zu genießen und einmal nicht an Wei-Wens Zukunft zu arbeiten. Während dieser fröhlich spielt, dösen seine Eltern im Schatten der Bäume. Doch als sie erwachen, ist ihr Sohn nirgendwo zu sehen. Taos Mann findet den 3-Jährigen schließlich zusammengesunken, blass und abwesend am Rande des wilden Waldes. Ein Kampf um Wei-Wens Leben beginnt, der Tao alles kosten könnte, was sie sich aufgebaut hat.

 

USA im Jahr 2007: Imker George investiert viel Liebe und Geld in seine traditionelle Farm, die mit seinen überschaubaren Bienenstöcken Jahr für Jahr ums Überleben kämpft. Der Farmer setzt seine ganze Hoffnung in seinen Sohn Tom, der auf dem College vor allem Kenntnisse in Betriebswirtschaft und Marketing erlangen soll, um den Hof zu vergrößern. Zu Georges Bedauern interessiert sich Tom aber eher für das geschriebene Wort und sieht seine Zukunft im Journalismus. Zudem bringt er Ansichten nach Hause, die dem eher konservativem George inakzeptabel erscheinen: „Wenn alle Vegetarier wären, gäbe es für alle Menschen auf der Welt genug zu essen“, so Tom, der seinen Vater damit zur Weißglut bringt. Die Vater-Sohn-Beziehung leidet zunehmend, bis das eintritt, was George bisher nur aus anderen Landesteilen kennt: „Im einen Moment waren die Bienenvölker gesund, hatten genug Nahrung und Brut, alles in bester Ordnung. Und plötzlich, im Laufe weniger Tage, ja sogar Stunden, war der Bienenstock so gut wie leer. Die Bienen waren weg, hatten ihre eigene Brut verlassen, alles verlassen. Und kamen nie wieder zurück.“ Der große Kollaps „CCD“ (Colony Collapse Disorder) hat nun auch ihn getroffen... 

 

England im Jahr 1852: William, Biologe und Besitzer eines Saatgutgeschäftes, sieht seine eigentliche Berufung in der Wissenschaft. Seine Karriere gab er jedoch zugunsten seiner Familie auf, was ihn in eine tiefe Depression stürzte. Ein neues Projekt rettet ihm schließlich das Leben: der Bau eines völlig neuen Bienenstockes: „Ich wollte etwas erschaffen, einen Bau, der in der Zivilisation verankert war, ein kleines Haus für die Bienen mit Türen und Fenstern und der Möglichkeit, hineinzusehen. […] einen Bau, den man überwachen konnte und der nicht der Natur, sondern dem Menschen die Kontrolle gab.“ Auch wenn William nicht als Erfinder des modernen Bienenstocks gilt, zeigen seine Bemühungen doch, wo alles seinen Anfang nahm.

 

Maja Lunde verwebt die Geschichten der drei Protagonisten geschickt ineinander und erst nach und nach wird klar, in welchem Zusammenhang sie miteinander stehen. Die persönlichen Schicksale von Tao, George und William stehen dabei für eine ganze Gesellschaft und sind dabei so packend geschildert, dass man das Buch kaum weglegen mag, Die Autorin zeigt ohne erhobenen Zeigefinger auf, welche Handlungen der Menschen dazu führen, dass die Bienen langsam von der Erdfläche verschwinden und welche katastrophalen Auswirkungen ihr Sterben mit sich bringt, wenn man dem keinen Einhalt gebietet.  

 

Fazit: Unbedingte Leseempfehlung! Maja Lunde hat nicht nur einen ganz wunderbaren Schreibstil, der einen an die Geschichte fesselt, sie versteht es auch, ihre Botschaft ganz unaufdringlich Stück für Stück an den Leser zu bringen ohne, dass dieser sich belehrt oder bevormundet fühlt. Eine tolle Lektüre, die auch noch nachdenklich stimmt und dazu aufruft, das eigene Verhalten zu reflektieren. 


 

 

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