Was ist Gerechtigkeit? - Die Vergessenen von Ellen Sandberg

Dieses Buch ist mir schon mehrfach in meinem Instagram-Feed begegnet und aufgefallen. Als ich es in der Buchhandlung meines Vertrauens unter den Empfehlungen der Woche fand, musste ich einfach zugreifen. Die Geschichte, die aus drei Perspektiven erzählt wird und Ereignisse aus dem 2. Weltkrieg mit einem aktuellen Plot kombiniert, konnte mich nicht auf Anhieb begeistern, dafür aber umso nachhaltiger.

Buchcover "Die Geschichte der Bienen" von Maja Lunde

 

Der 2. Weltkrieg und die Verbrechen der Nationalsozialisten in dieser Zeit sind ein immer wieder gern verwendeter Stoff für Autoren. Da gibt es nicht nur die guten, selbstlosen und mutigen Menschen, die ihr Leben für andere aufs Spiel setzen, sondern auch die gnadenlosen bösen Schergen, die sich ganz der grausamen Ideologie Hitlers verschrieben haben. Am interessantesten sind aber jene Figuren, die keiner der beiden Lager zuzuordnen sind: Jene, die die Menschen verachtenden Taten innerlich quälen, aber nicht den Mut finden, sich offen dagegen zu stellen, um nicht selbst im Konzentrationslager zu landen. Ellen Sandberg widmet sich in „Die Vergessenen“ Charakteren sämtlicher Couleur und schafft damit einen spannenden Roman, der zunächst nur langsam Fahrt aufnimmt, aber dann unermüdlich in die Tiefe der menschlichen Abgründe stürzt. 

 

Die Autorin beginnt ihre Erzählung mit Manolis Lefteris, dem Besitzer eines Autohauses, dessen Hauptgeschäft allerdings brisante Aufträge sind, die sich jenseits der juristischen Grauzone befinden. Seine aus Griechenland stammende Familie ist zu weiten Teilen den Nazis in einem Kriegsverbrechen zum Opfer gefallen, welches bis heute nicht als solches anerkannt wurde. Sein Vater ist an dieser Tatsache zugrunde gegangen und hat sich vermutlich in den Selbstmord gestürzt. Manolis trägt die Last dieser familiären Tragödie, die seinen Vater mit sechs Jahren traf, noch immer mit sich herum. Als er für einen Kunden geheimnisvolle Unterlagen aufspüren soll, weiß er nicht, dass ihm dieser Job zur einer verspäteten Rache für die Verbrechen an seiner Familie verhelfen kann.

 

Dabei behilflich kann ihm Vera Mändler sein. Die Journalistin sieht sich in einer unglücklichen Situation gefangen: Der Job bei einer Frauenzeitschrift ist zwar sicher, aber eigentlich nicht ihr Metier. Doch zu lange berichtet sie schon über Wechseljahrsbeschwerden und Wellness-Trends als dass sie noch jemand in einer Politikressort ernst nehmen würde. Privat läuft es mit ihrem Freund auch nicht gerade rund. Und zu allem Übel hat ihre geliebte Tante Kathrin nun auch noch einen Schlaganfall erlitten. Bei der Klärung ihrer Angelegenheiten stößt Vera auf ein brisantes Geheimnis ihrer Tante, das diese in einem völlig neuen Licht erscheinen lässt.

 

Veras Tante Kathrin Mändler war 1944 als Krankenschwester in Winkelberg, einer Heil- und Pflegeanstalt nahe München, bei der sich die Autorin an der ehemaligen Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar anlehnte, tätig. Voller Tatendrang will sie dort helfen. Gerade die kleinen Pfleglinge, geistig behinderte Kinder, haben es ihr angetan. „Ziel war es, die Kinder mit einer neuzeitlichen Therapie zu behandeln, nach aktuellem wissenschaftlichen Erkenntnissen. Unter fachärztlicher Leitung sollten alle therapeutischen Möglichkeiten ausgeschöpft werden, damit auch bei Erkrankungen, die bisher als hoffnungslos galten, gewisse Heilerfolge erzielt wurden. Man wollte verhindern, dass die kleinen Patienten dauerndem Siechtum verfielen.“ Mit dem attraktiven Direktor der Klinik lässt sich die junge Frau auch noch auf eine Affäre ein. Erst nach und nach findet Kathrin heraus, worin die besondere Behandlung der Klinik wirklich besteht und welche Rolle ihr Liebhaber darin spielt. Sie hat diese Zeit offensichtlich überlebt, doch warum hat sie ihrer Familie den Beginn ihrer Berufstätigkeit verheimlicht? Welche Schuld hat Kathrin auf sich geladen? War sie ein Todesengel, eine stille Dulderin oder eine heimliche Kämpferin ohne Erfolg?

 

Sandberg verwebt die Erzählungen aller drei Protagonisten ineinander, so dass Stück für Stück das Familiengeheimnis aufgedeckt wird. Auch wenn ich nicht sofort Zugang zu den Protagonisten gefunden habe und gerade bei Manolis einige Seiten brauchte, um eine gewissen Sympathie herzustellen, habe ich nie daran gedacht, das Buch wegzulegen. Die Geschichte interessierte mich dennoch und Sandberg baut den Spannungsbogen geschickt auf, so dass ich spätestens nach 100 Seiten in das Drama abgetaucht war. Das Thema der Euthanasie ist keine leichte Kost, aber gerade in dieser Zeit, in der die letzten Zeitzeugen versterben und kaum noch jemand für seine Taten zur Rechenschaft gezogen werden kann, ist es umso wichtiger mahnend daran zu erinnern. Zuweilen lief mir bei der Erzählung von Kathrin ein Schauer über den Rücken. Denn wenn man bedenkt, dass diese fiktionale Erzählung doch auf ganz realen Taten beruht, die Menschen voller Überzeugung durchgeführt haben, wird einem doch ganz anders. 

 

Fazit: Ein unbedingt lesenswertes Buch. Die Geschichte ist nicht nur spannend, sondern auch berührend und gleichzeitig noch immer aktuell. Ein Roman über Schuld, Schweigen, eine späte Rache und die Frage der Gerechtigkeit, die es laut einer Romanfigur jedoch so gar nicht gibt: „Gerechtigkeit ist eine Illusion. Ein romantisches Ideal, das uns eingeimpft wird, um uns zu sedieren und gefügig zu machen. In Wahrheit gibt es nur ein Recht: das Recht der Stärke. Sie setzt sich durch. Das war schon immer so und wird auch immer so bleiben.“  

 


 

 

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