Vielfältige Essays zum Thema Feminismus - "Wenn Männer mir die Welt erklären"

Bei „Wenn Männer mir die Welt erklären“ handelt es sich um das zweite Buch, das ich im Rahmen der "Frauen-Lesechallenge" gelesen habe. Das Werk „Mehr Feminismus“ hat mir so gut gefallen und so viele Gedankengänge angestoßen, dass ich gleich mit dem Thema weitermachen wollte.  

Die Autorin Rebecca Solnit kommt aus den USA und beschäftigt sich schon knapp 30 Jahre mit Menschenrechtsfragen. Sie ist keine klassische Feministin, viel mehr Umweltschützerin und Aktivistin. Viel beachtete Artikel und Bücher erschienen unter ihrer Feder und doch ist es ein feministischer Essay, der in der ganzen Welt für Aufsehen sorgte und auch der Einstieg zum vorliegenden Werk ist: „Men explain things to me“. Darin schreibt sich Solnit den Frust von der Seele, dass Männer stets Wissen nur für sich selbst beanspruchen, dies vielen Frauen gleichzeitig aber absprechen. Das überbordende Selbstbewusstsein vieler Männer führt dann wiederum dazu, dass weniger selbstsichere Frauen beginnen, an sich zu zweifeln. „Es ist jener Dünkel, der jeder Frau auf jedem Gebiet ab und an das Leben schwer macht; der verhindert, dass Frauen ihre Meinung äußern oder, falls sie es doch wagen, dass sie gehört werden,[…]“ Humorvoll und lebensnah beschreibt Solnit ihre ganz persönlichen Erlebnisse und Eindrücke, die so ähnlich bestimmt schon fast jede Frau einmal erlebt hat. 

Von zu selbstbewussten Männern zu Vergewaltigung und Mord

Der erste Essay macht Lust auf die weiteren sechs, von denen ich mir ähnliches erhofft habe. Allerdings hätte ich schon stutzig werden können als Solnit ankündigte: „Ich war von diesem Essay selbst überrascht, denn ich begann mit einer amüsanten Episode, landete jedoch bei Vergewaltigung und Mord.“ Ja, genau damit geht es weiter. Während das erste Kapitel tatsächlich zum Titel des Buches passt, sind wir schon beim zweiten mitten im brutalen Amerika, in dem „alle neun Sekunden eine Frau geschlagen“ wird. Solnit wartet mit jeder Menge beängstigenden Fakten auf wie: „Die Haupttodesursache von schwangeren Frauen sind in den USA die Ehemänner.“ Sie thematisiert auch die Vergewaltigungen an amerikanischen Universitäten und Highschools, bei denen häufig nur die Männer geschützt werden und ungeschoren davon kommen. Zu dieser Thematik empfehle ich die Netflix-Dokumentation „Audrie & Daisy“, die schonungslos aufdeckt, wie viel mehr ein Football-Spieler der Highschool zählt als ein junge Mädchen, das unter Alkohol-Einfluss von ihm vergewaltigt wurde.

 

Aber zurück zum Buch: Natürlich darf Gewalt an Frauen, in welcher Form auch immer, in keinem Land der Welt toleriert werden. Aber ausgehend vom Titel des Buches habe ich mir eine etwas andere Lektüre vorgestellt. Alle Essays von Solnit haben ihre Berechtigung und alle behandelten Themen sind der Betrachtung selbstverständlich wert. Aber meine Erwartungshaltung an dieses Buch war eine vollkommen andere. Ich hatte auf das aufdecken weniger expliziter Gewalt gehofft, auf die kleinen Feinheiten im alltäglichen Leben, die Frauen häufig so hinnehmen ohne sie zu bemerken oder ohne etwas zu sagen – eben etwas mehr in Richtung „mansplaining“ wie im ersten Essay.

 

Solnit schlägt Bögen über verschiedenste Themen und geht dabei zum Teil sehr wissenschaftlich vor, z. B. beim Essay über Virgina Wolf, über die ich nur wenig weiß. Die vielen Zitate und die Analyse ihres Werkes haben mich ihr aber leider auch nicht näher gebracht. Auch die Kolonial-Geschichte mag mit den Mechanismen des Seximus ein relevantes Thema für den Feminismus sein, letztendlich können die Essays aber auch hier nur an der Oberfläche kratzen, was ein wenig unbefriedigend ist. Sie sind zu kurz, um wirklich eine tiefergehende Erklärung mit fundierter Einleitung zu bieten, aber zu lang, um nur einen Überblick zur eigenen Weiterbearbeitung zu liefern. 

 

Fazit:

Leider hat mich das Buch nicht überzeugt. Das mag an meiner anderen Erwartungshaltung liegen, aber als Einstieg in das Thema Feminismus fand ich das Buch „Mehr Feminismus“ deutlich geeigneter. Nichtsdestotrotz ist Solnits Essay-Sammlung für jeden, der mehr Einblick aus verschiedenen Blickwinkeln in das Thema erhalten will, sicher nicht falsch. 

 


Diese Rezension ist im Rahmen der "Frauen-Lesechallenge" vom Blog Wortlichter entstanden. 

 

 

Alle bisherigen Beiträge aus der Leseecke findet ihr hier.

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Kommentare: 2
  • #1

    Julia | Literameer (Freitag, 24 Februar 2017 19:12)

    Hallo :)

    Deine Rezension habe ich die Tage schon vom Handy aus gelesen, nachdem du bei Instagram davon gesprochen hast, komme aber erst jetzt zum kommentieren.

    Die Dokumentation „Audrie & Daisy“ habe ich auch gesehen. Ich habe den Fall nur am Rande mitbekommen, fand die Doku aber sehr erschütternd.

    Ich kann gut verstehen, warum dir das Buch nicht so gut gefallen hat. Unter dem Titel und auch noch nach dem ersten Essay kann man wirklich leicht etwas anderes verstehen. Ich wusste zwar, dass es auch um andere Themen geht, war mir aber auch nicht ganz bewusst, dass es zum Teil doch ganz schön hefig wird.

    Liebe Grüße
    Julia

  • #2

    Anja (Freitag, 31 März 2017 18:35)

    Das ist wirklich interessant, bei mir war es genau anders herum. Ich habe zu erst Rebecca Solnits Werk gelesen und fand es sehr schön zur Einführung. Wobei es mich auch nicht ganz überzeugte, wegen Titel und fehlenden Quellen. Das sind schon zwei gravierende Mängel. Aber trotzdem an sich war es gut. Umso länger es zurück liegt, umso zufriedener bin ich eigentlich. Immerhin deckt das Buch eine gewisse Themenspanne ab.
    Danach kam "Mehr Feminismus" und es war mir zu kurz und zu flach. Ich hätte es vielleicht lieber anders herum lesen sollen.
    Im Dezember habe ich übrigens ein eigenes Zimmer von Virgina Woolf gelesen. Das im Hinterkopf hat sehr geholfen beim Verständnis über das Kapitel. Und ich werde sicher auch noch ein Buch über Susan Sonntag lesen, die wenn ich mich Recht erinnere auch in Solnits Buch vorkam, über die ich aber leider nichts weiß.

    Für wirkliche Einsteiger würde ich aber auch Mehr Feminismus empfehlen.

    Liebe Grüße, Anja