Unverdiente Randsportart im Wintertraum - Nordic Combinded Triple 2017 in Seefeld (Tirol)

Mit der Sportart Nordische Kombination können selbst Wintersportfans nicht unbedingt etwas anfangen. Obwohl die Mehrkampfsportart als „Königsdiziplin“ des nordischen Skisports gilt, können die Sportler von einem Andrang wie beim Skispringen oder Biathlon häufig nur träumen. Warum die Sportart in der Publikumsgunst völlig zu Unrecht unterschätzt wird, hat das „Seefeld-Triple“ Ende Januar in Tirol eindrucksvoll bewiesen.

Nordische Kombination - Wie kommt man dazu?

Ich muss zugeben, dass ich bei der Nordischen Kombination im Fernsehen selbst häufig abgeschaltet habe. Langlauf allein fand ich langweilig und nur in Kombination mit Schießen spannend. Seit Skispringen Ende der 90er/Anfang 2000er mit Martin Schmitt und Sven Hannawald medial so populär wurde, gehörte auch die Vierschanzentournee zum Pflichtprogramm. Aber Nordische Kombination? Das ist doch nichts Halbes und nichts Ganzes!?

 

Durch familiäre Verbindungen zum Skisport habe ich mich aber irgendwann doch einmal damit befasst und mich von der Faszination der zwei Disziplinen, die sich vom Leistungsspektrum eigentlich gegenseitig ausschließen (maximale Ausdauer & maximale Sprungkraft), anstecken lassen. Das führte nun so weit, dass ich mich Ende Januar dem SSV Geyer bei seiner Tour in die österreichischen Alpen anschloss, um den aktuell besten Kombinierer Eric Frenzel und seinen jüngeren Teamkollegen Terence Weber live vor Ort anzufeuern. Beide haben ihre ersten Wettkampferfahrungen in eben jenem sächsischen Verein gesammelt. 

Blick vom Gästehaus Birkenwald auf den Ort Seefeld in Tirol

Auf nach Seefeld!

Bei traumhaftem Winterwetter kamen wir am Freitag in dem österreichischen Örtchen Seefeld an. Strahlender Sonnenschein, blauer Himmel und weiße Berge versprachen perfekte Bedingungen für ein Wintersport-Wochenende. Bewaffnet mit Bannern, Tröten, Rasseln und Trommeln zogen wir Richtung Arena los. Die Lautstärke der Fantruppe sorgte im ganzen Dorf für staunende Blicke und an der Schanze für wenig Probleme einen Platz zu ergattern.

Das „Nordic Combinded-Triple“, das in Seefeld dieses Jahr zum vierten Mal ausgetragen wurde, ist neben der WM das absolute Saison-Highlight der Kombinierer und wird aufgrund der Nähe von deutschen Fans dominiert. An drei Tagen treten die Sportler zu drei Wettkämpfen an: Am Freitag steht ein Sprung von der Schanze und ein 5 km-Lauf an. Am Samstag springen die besten 50 Kombinierer erneut einmal und müssen anschließend für 10 km in die Loipe. Am großen Finaltag treten nur die besten 30 der vergangenen beiden Tage zu zwei Sprüngen und einem abschließenden 15 km Lauf an. Wer dann als erster über die Ziellinie geht, gewinnt das Seefeld-Triple. In den vergangenen drei Jahren hat Eric Frenzel jeden Wettbewerb in Seefeld für sich entschieden. Doch dieses Jahr kommt die stärkste Konkurrenz aus dem eigenen Team. Kann der 28-jährige Frenzel auch in diesem Jahr seine Siegesserie verteidigen?

Die Schanzen in der Casino Arena beim Nordic Combined Triple in Seefeld 2017

Freitag: Der Startschuss zum Nordic Combined Triple fällt

Der Fanblock macht auf jeden Fall mächtig Stimmung und trägt Frenzel auf 102 Meter. Damit geht er mit elf Sekunden Rückstand als dritter auf die Strecke – eine aussichtsreiche Position! Sein Teamkollege Johannes Rydzek folgt als fünfter mit 19 Sekunden Rückstand auf den nach dem Springen führenden Bernhard Gruber aus Österreich. Auch Terence Weber hat sich nach einem starken Sprung mit 36 Sekunden Rückstand die vielversprechende Position sechs verschafft. Als die Athleten an den Start gehen, steigt die Vorfreude auf ein spannendes Rennen. 

Der Langlauf-Start am ersten Tag des Nordic Combined Triples 2017 in Seefeld

Gerade einmal zwei Runden drehen die Kombinierer auf ihren Skiern bevor sie nach fünf Kilometern auf die Zielgerade einbiegen. Schon nach zwei Kilometern haben Frenzel und Rydzek den Führenden ein- und schließlich überholt, ebenso wie den Zweitplatzierten Samuel Costa. Beide können dem Führungsduo nicht mehr folgen. Alles läuft auf einen Zweikampf der beiden Deutschen hinaus, die sich gegenseitig nichts schenken. Rydzek biegt als erster Richtung Ziel ein, Frenzel gibt sich aber nicht geschlagen und kämpft sich mit aller Kraft ran – so nah, dass sie zeitgleich über die Ziellinie gehen. Fotofinish! Gespannt blicken alle auf die Leinwand, die nach kurzer Zeit verkündet, dass Frenzels Siegesserie gerissen ist – um eine Schuhgröße… Schade!

Fotofinish zwischen Eric Frenzel und Johannes Rydzek beim Nordic Combined Triple in Seefeld 2017

© Weltcup Seefeld

Das Podium am ersten Tag des Nordic Combined Triple 2017 in Seefeld

Die klitzekleine Enttäuschung an diesem Tag wird aber schnell wettgemacht als wir nach einem Abstecher in die naheligende Sportalm den Tageszweiten beim lockeren Auslaufen in der beinah noch weihnachtlich beleuchteten Stadt treffen. Ganz entspannt nimmt sich Frenzel sogar die Zeit für einen kurzen Plausch und ein Foto mit seinem Fanclub. In welcher Sportart gibt’s das schon!

Eric Frenzel mit seinem Fanclub beim Nordic Combined Triple 2017 in Seefeld

Samstag: Die Aufholjagd geht weiter

Auch am Samstag lacht die Sonne vom Himmel und mit Zuversicht ziehen die Skisportanhänger erneut lärmend Richtung Arena. Die Ergebnisse des ersten Tages fließen in die Wertung des folgenden ein. Und so kommt es, dass Frenzel mit 105 Metern zwar weiter springt als sein Teamkollege Rydzek (103,5), der aber von schlechteren Windbedingungen profitiert und so gemeinsam mit Gruber und Costa vier Sekunden vor Frenzel auf die 10 km-Strecke geht. Diese wenigen Wimpernschläge holt der Sachse mühelos auf und fortan flitzt regelmäßig ein Quartett an den jubelnden Deutschen und Österreichern vorbei durchs Stadion. Erst auf dem letzten Kilometer schickt sich Frenzel an, seine Konkurrenten hinter sich zu lassen und zieht das Tempo an. Mit dem Italiener Costa und Gruber klappt das auch, aber Rydzek lässt sich nicht so leicht abschütteln. Es deutet sich die Wiederholung des Vortages an als die beiden Deutschen Richtung Stadion abbiegen. Und tatsächlich nützen alle Anfeuerungen und Tröten bis die Luft wegbleibt nichts – wieder hat Rydzek an der Ziellinie die Nase bzw. die Skispitze vorn. Frenzel zeigt sich als fairer „Verlierer“, sofern man bei einem zweiten Platz davon sprechen kann, und gratuliert seinem Mitstreiter mit einem Lächeln. Dieser zweite Platz fühlt sich heute aber ein bisschen bitterer an, denn damit verliert Frenzel auch das gelbe Trikot des Weltcup-Führenden. Zwei Etappen sind verloren, aber erst wer am Sonntag als Erster über die Ziellinie gleitet, darf sich Triple-Gewinner nennen und die doppelte Punktzahl für die Weltcup-Wertung sichern.

© Weltcup Seefeld

Gemeinsam mit dem Fanclub von Frenzel und Weber aus Flossenbürg, wo beide Sportler inzwischen leben, stärken wir uns in einem Gasthof mit Tiroler Spezialitäten bevor es zum Empfang der besten zehn Athleten auf den Marktplatz geht. Allerdings stehen die Sportler nur kurz im Mittelpunkt und dürfen maximal zwei Sätze von sich geben bevor sie u. a. Platz machen für den Magier Farid, Sängerin Antea Sablik und Millionärsgattin Carmen Geiss. So viel sei gesagt: Keiner der Auftritte, die ich gesehen habe, lohnte das Frieren vor der OpenAir-Bühne im Kurpark. Ich bin fast sicher, in jeder Aprés-Ski-Bar wäre mehr Stimmung gewesen. Aber sei's drum - der Tag war anstrengend genug, da muss man auch nicht auch noch die Nacht zum Tag machen.

Das Berg-Panorama von Seefeld beim Nordic Combined Triple 2017

Sonntag: Kann der "König von Seefeld" erneut seinen Thron besteigen?

Am Sonntag gilt es die letzten Kräfte zu mobilisieren (für die Sportler und die Fans), um den würdigen Gewinner dieses anstrengenden 3-Tage-Wettkampfes zu küren. Beim großen Finale erklimmen die besten 30 Kombinierer dieses Wochenendes gleich zwei Mal die Schanze, um danach auf die 15 km-Strecke zu gehen. Zunächst zeigt Weber, dass er im Springen locker bei den Großen seines Sports mithalten kann (106,5 und 105,5 Meter) und schafft es, sich mit Rang acht eine hervorragende Ausgangsposition zu verschaffen. Mit dem ersten Sprung von 106 Metern bleibt auch Frenzel gut im Rennen um den Triple-Sieg. Aber auch Rydzek erreicht die gleiche Weite. Also heißt es vor dem letzten Sprung noch einmal fester Daumen drücken (obwohl das eigentlich gar nicht mehr geht): 106,5 Meter stehen für ihn auf dem Tableau. Doch was macht sein stärkster Konkurrent? Und wo stehen die Österreicher Gruber und Mario Seidel, die sich auch in hervorragender Sprungform zeigen? Bei 105,5 Metern landet Rydzek schließlich und dank besserer Punkte auch 20 Sekunden vor dem dreimaligen Triple-Gewinner, der gemeinsam mit Gruber und Seidel als Vierter auf die Strecke gehen wird. 20 Sekunden sind auf 15 km nicht die Welt und Frenzel hat schon im vergangenen Jahr gezeigt, dass er zu enormen Kraftleistungen imstande ist. Aber auch heute? Nachdem er bereits zwei anstrengende Wettkampftage hinter sich hat, die ihm mit hauchdünnen Niederlagen alles abverlangt haben? Leise Zweifel schleichen sich ein, ob der vierte Gewinn noch greifbar ist, insbesondere da Rydzek in der Form seines Lebens zu sein scheint.

 

Vor dem Langlauf-Start ist die Spannung beinahe zu greifen. Kaum einer kann still stehen als endlich der Startschuss ertönt und Rydzek mit schwungvollen Schüben aus dem Stadion gleitet. Gruber, Seidel und Frenzel folgen zunächst zu dritt und nähern sich gemeinsam Stück für Stück dem Führenden. Im Stadion ist trotz der Leinwand die Ungewissheit größer als vor dem Fernseher, wo man den Wettkampf mit besserem Überblick verfolgen kann. Wir sehen die Läufer nur zwei Mal pro Runde durch das Stadion skaten. Der Abstand zwischen Frenzel und den beiden Österreichern wird langsam größer, im Gegensatz zu dem von Rydzek. Nach der Hälfte der Strecke hat der Sachse den Oberstdorfer eingeholt. Hoffentlich hat er sich bei dieser Aufholjagd nicht zu sehr verausgabt. "Bitte lass es nicht wieder zu einem Fotofinish kommen", denken wohl alle Frenzel-Fans in diesen Augenblicken unisono. Eine Weile laufen die beiden Führenden zusammen, die Österreicher sind bereits abgehängt, bis Frenzel bei Kilometer zehn plötzlich das Tempo anzieht und vor seinem Teamkollegen den Berg hochspringt. Kann Rydzek folgen? Es sieht nicht danach aus! Die Lücke zwischen den Kontrahenten wird immer größer während der Jubel im Stadion immer lauter wird und der Frenzel-Song aus den Lautsprechern erklingt. Ist es doch noch möglich, den vierten Triple-Sieg einzufahren? Alles deutet darauf hin: Frenzel reißt eine immer größere Lücke zu Rydzek, dessen Schritt stetig schwerfälliger wird. Die letzte Runde ist zum Genießen da: Diesen Vorsprung von 30 Sekunden kann keiner mehr einholen. So bleibt dem Olympiasieger von 2014 sogar noch Zeit, seinen Sohn am Streckenrand zu grüßen bevor er auf der Zielgeraden Handküsse an seine Fans verteilt - Gänsehautfeeling! 

Dank Kraftanstrengung und taktischer Meisterleistung: Eric Frenzel verteidigt seinen Titel

Der Gewinner des Nordic Combined Triple 2017: Eric Frenzel, der "König von Seefeld"

© Weltcup Seefeld

"Ich weiß auch nicht, woher der kleine Bursch die Kraft nimmt", ist Bundestrainer Hermann Weinbuch beim Interview mit dem ZDF erstaunt. Vielleicht geht ein ganz kleines Körnchen Kraft auf das Konto der Fans, die ihren Helden am liebsten mit ihrem Jubel über die Strecke getragen hätten. Der wird natürlich auch den anderen Deutschen, insbesondere Terence Weber, der einen hervorragenden elften Platz in seiner ersten Saison erreicht, zuteil. Was für ein Finale! Glücklich und kaputt geht es nach diesem beeindruckenden Wochenende nach Hause. Spannender hätte es kaum sein können und was für eine großartige Werbung für diesen Sport, der leider zu wenig Aufmerksamkeit für diese enormen Leistungen erhält! 

 

P.S. Vielleicht bis nächstes Jahr ;-)


Kombinierer in Aktion:

Wer mit meinen Ausführungen nicht so viel anfangen kann und lieber in Bewegtbild sehen will, was beim Triple so vor sich ging, kann alle drei Tage auch noch einmal in der Mediathek (bis Januar 2018) verfolgen: 

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