Der Weg der Gleichberechtigung ist noch lang: Adichies Aufruf "Mehr Feminismus"

Feminismus kam mir bisher immer etwas verstaubt und nicht mehr so richtig notwendig vor - bis ich mich im Rahmen der "Frauen-Lesechallenge" mehr mit dem Thema befasste und auf das Buch von Chimamanda Adichie traf. 

Buch-Cover zu "Mehr Feminismus!" von Chimamanda Ngozi Adiche

Als einziges Kind einer alleinerziehenden und Vollzeit arbeitenden Mutter, habe ich eigentlich nie daran gezweifelt, dass Frauen alles schaffen können, was sie wollen (mein Ziel war allerdings auch nie der Vorstand eines DAX-Unternehmens). Ich habe mich nie weniger wert gefühlt als gleichaltrige Jungen und schon gar nicht unterlegen (außer vielleicht beim Sport, aber das ist eine andere Geschichte…). Während einige meiner Schulfreundinnen beharrlich behaupteten, dass sie mit einem Dasein als Hausfrau zufrieden seien, wenn sie mal Kinder hätten, wollte ich als Nachfolgerin von Antonia Rados aus den Krisengebieten dieser Welt berichten. Dieser Wunsch hat sich zwar irgendwann verflüchtigt, aber nicht, weil ich nicht daran glaubte, das schaffen zu können.  

"Feministinnen sind Frauen, die unglücklich sind, weil sie keinen Mann finden"

Mit Feministinnen assoziierte ich vor allem Alice Schwarzer und ihre „Emma“ - sie kam mir oft überholt vor, genau wie die ganze Debatte. Feministinnen waren in meinem Weltbild irgendwie unangenehm, kein Vorbild, dem man nacheiferte. Und genau auf diesem Fuß erwischte mich Chimamanda Ngozi Adichie mit ihrem Buch „Mehr Feminismus“ als sie die Vorurteile beschreibt, mit denen sie als Feministin zu kämpfen hat: „Du hasst Männer, du hasst BHs, du hasst afrikanische Kultur, du bist der Ansicht, dass Frauen immer das Sagen haben sollten, du trägst kein Make-up, du rasierst dir nicht die Beine, du bist immer wütend, du hast keinen Sinn für Humor, du benutzt kein Deodorant.“ Schon als Adichie selbst noch gar nicht weiß, was der Begriff Feminismus bedeutet, wird sie mit der negativen Haltung vieler dagegen konfrontiert, z. B. als ihr bester Freund ihr an den Kopf wirft: „‘Dir ist doch klar, dann du eine Feministin bist!‘ Es war kein Kompliment. Ich hörte es seinem Tonfall an – der gleiche Tonfall, in dem man sagt: ‚Du unterstützt den Terrorismus.‘“ Andere raten ihr später, sich selbst nicht so zu nennen, „da Feministinnen Frauen sind, die unglücklich sind, weil sie keinen Mann finden“.

 

 

In dem Buch, das in eine Rede der nigerianischen Autorin sowie vier Kurz-Geschichten eingeteilt ist, beschreibt Adichie ihre Erfahrungen in Nigeria. In Lagos, der größten Stadt des afrikanischen Landes, kann sie als Frau nicht allein ausgehen. In viele Clubs kommt man nur in männlicher Begleitung, im Restaurant wird nur der Mann begrüßt und die Frau ignoriert und als sie einmal dem Parkservice ein Trinkgeld zusteckte, wurde dafür ihrem männlichen Begleiter gedankt. Es wird einfach davon ausgegangen, dass es sich nicht um ihr eigenes Geld, sondern um das eines Mannes handeln muss. Das ließ für sie nur einen Schluss zu: „Männer beherrschen die Welt also tatsächlich. Das war sinnvoll – vor tausenden Jahren.“ Aber noch heute bringe man Mädchen bei, wie sie sein sollen, um von Jungen gemocht zu werden als sei das das einzige Lebensziel, während dies andersherum keine Bedeutung hat. Adichie stellt fest, dass Männer diese Problematik selbst gar nicht wahrnehmen. Sollte ihr männliche Begleitung den Kellner, der die Frau im Restaurant ignorierte nicht zurechtweisen? Sollte er den Irrtum mit dem Trinkgeld für den Parkservice klar stellen?

Vier Stories über Feminismus

In der ersten Geschichte des Buches erzählt Adichie von ihrer Tante, die über weite Teile ihres Lebens bewundert hat, die ihr aber auch einige der wesentlichen Regeln des Frauseins in Nigeria beibrachte, mit denen sie sich nicht identifiziere kann: „Sitz wie eine Frau war ein kleines Beispiel für wichtigere Konventionen. Sei still und sanftmütig wie eine Frau. Sei nicht laut, sei nicht zornig, sei nicht hart, sei nicht zu ehrgeizig.“ Ihr Tante beherzigte diese Normen alle und „sie verlangte nichts von dem Mann, denn sie liebte, und das galt als lobenswert“.

 

Die zweite Geschichte handelt von einer Nigerianerin, die in den USA lebt und nach dem dramatischen Ende ihrer vorherigen Beziehung nach neun Jahren mit einem anderen Nigerianer „verkuppelt“ werden soll. Auch eine weitere Story berichtet von einer jungen Nigerianerin, die mit ihrer Familie in den USA und damit im Zwiespalt zwischen afrikanischer Kultur und amerikanischer Freiheit lebt. Sie kämpft mit ihrer sehr traditionsbewussten Mutter, die in ihr nur eine potenzielle Ehefrau und Mutter sieht und nicht eine Jugendliche, die Erfahrungen sammeln und sich ausprobieren möchte.

 

Eine Geschichte fällt etwas aus dem Rahmen. Sie handelt von einem jungen Nigerianer und seiner Freundschaft zu einem Dienstboten in der Jugend. Zunächst war mir nicht ganz klar, was diese Erzählung mit dem Thema des Buches zu tun hat, meine Interpretation ist jedoch dahingehend, dass er aus gekränkter Eitelkeit lügt, eine Verrat begeht und dadurch jemandem Unschuldiges eine Ungerechtigkeit widerfährt, was sich im weitesten Sinne auch auf die Behandlung von Frauen übertragen lässt. Dabei hätte er jeder Zeit das Schweigen brechen können und den Fall auflösen, doch er tut es nicht. Er erhebt sich über den vermeintlich Schwächeren.

 

 

Das Buch ist mit 112 Seiten kurz und prägnant und allein an der Länge meines bisherigen Textes lässt sich ablesen, wie viele Gedanken die wenigen Seiten angestoßen haben. Trotz der deutschen Übersetzung ist ein toller sprachlicher Stil zu erkennen. Man merkt, dass Adichie nicht nur Feministin, sondern auch eine Autorin ist, die ihr Handwerk versteht. 

Ein Buch zum Nachdenken

Auch wenn in Nigeria (noch) ganz andere gesellschaftliche Verhältnisse als in Europa herrschen, lässt sich doch einiges auch auf die moderne westliche Welt übertragen: Dass Männer dem Feminismus zu großen Teilen skeptisch gegenüberstehen, dass Frauen zu Konkurrentinnen im Wohlgefallen der Männer werden (s. Fernsehformate wie „Der Bachelor“) oder Erziehungsprinzipien, die sich in Sätzen wie "Du bist aber eine kleine Zicke" ausdrücken. Während man den Mädchen "Sei vorsichtig" zuruft heißt es beim anderen Geschlecht oft "Der Junge schafft das schon". Und auch hierzulande verdienen Frauen immer noch weniger als Männer – für die gleiche geleistete Arbeit. Sie schaffen es seltener in Führungspositionen. Häufig wird als Grund genannt, dass weniger Frauen Karriere machen wollen, was ja auch ok ist, aber dass der Prozentsatz so klein sein soll, kann ich mir kaum vorstellen. Und wenn ich an meinen Agenturjob zurück denke, bei dem ich ab und zu in der Woche auf den Businessstrecken Düsseldorf-Hamburg oder Hamburg-München unterwegs war, kam ich mir als Frau im bunten Kleidchen unter überwiegend dunkel gekleideten Männern in Anzügen fast schon wie ein Alien im Flugzeug vor. Lediglich Laptop-Tasche und Blackberry gaben einen Hinweis darauf, dass ich nicht zum Shopping-Trip unterwegs war.

 

Nach diesen Beobachtungen und der Lektüre des kleinen, aber beeindruckenden Bandes, sehe ich ein, dass wir uns heute als Frauen in Deutschland bereits in einer komfortablen Lage befinden. Aber das darf uns nicht davon abhalten zu sehen, wo noch Handlungsbedarf besteht. Wir dürfen uns nicht auf erreichten Zielen ausruhen, denn sie können jederzeit wieder in Gefahr geraten, wie der Women‘s March als Protest gegen Donald Trump und sein antiquiertes Weltbild am Wochenende gezeigt hat. Insofern bin ich vielleicht doch eine „kleine Feministin“, denn Adichies Definition kann ich mich durchaus anschließen: "Feminist (in): Die Person, die an die politische, soziale und wirtschaftliche Gleichheit der Geschlechter glaubt." 

 

Fazit: Ein wunderbarer Einstieg in ein Thema, das uns alle angeht!  


Diese Rezension ist im Rahmen der "Frauen-Lesechallenge" vom Blog Wortlichter entstanden. 

 

 

Alle bisherigen Beiträge aus der Leseecke findet ihr hier.

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Kommentare: 3
  • #1

    Anja (Donnerstag, 26 Januar 2017)

    Vielen Dank für deine Rezension. Ich habe das Buch auf meinem Stapel für Februar liegen und werde es ganz sicher auch lesen und darüber berichten. Ich hatte früher auch meine Probleme mit den Vorurteilen über Feministinnen. Für mich war Feminismus zu reißerisch, zu vorschreibend, zu hasserfüllt. Es gab viel zu viele Argumente wie eine Frau sein sollte, so dass es für mich die selbe Unterdrückung erschien, nur anders herum. Außerdem bin ich auch nicht der Meinung, dass Männer immer die Schuldigen sind. Aber zum Glück, findet man schnell auch andere Beispiele abseits dieser Klischees.

    Ich persönlich verstehe Feminismus eher als eine Schwesternschaft. Eine bedingungslose Liebe, ohne vorzuschreiben, wie eine Frau zu sein hat. Eine Atmosphäre, in der jede sich so entfalten kann, wie sie wünscht. Ob das nun als Hausfrau, Mutter, Geschäftsführerin, Astronautin, Bauarbeiterin, Künstlerin oder was auch immer ist und ohne dass Frauen ihr Wert an Schönheit, Reproduktion, Körper, Beruf etc. bemessen ist, sondern dass jede Frau gleichermaßen wertvoll ist :)
    Leider habe ich diesen Gedanken oft nicht im Feminismus wieder gefunden. Aber mit der Zeit ist mir klar geworden, dass jede von uns, natürlich diese Debatte mitgestaltet. Und wer suchet, der findet. Natürlich habe ich es nicht gefunden, weil ich mich nicht viel damit beschäftigt habe :)

    Liebe Grüße, Anja

  • #2

    Julia | Literameer (Donnerstag, 26 Januar 2017)

    Hallo,

    das Buch habe ich kürzlich auf Englisch gelesen und auch rezensiert. Es war nicht meine erste Begegnung mit der Thematik, hat mir aber auch sehr gut gefallen.

    Die vier Kurzgeschichten sind in der englischen Ausgabe leider nicht enthalten. Deswegen hab ich sowieso schon mit dem Gedanken gespielt, mir auch noch die deutsche Ausgabe anzuschaffen. Jetzt nach deiner Rezension denke ich, werde ich das auch machen.

    Liebe Grüße,
    Julia

  • #3

    Lexa (Donnerstag, 02 Februar 2017 11:41)

    Danke für diese tolle Rezension. Das Buch klingt wirklich sehr interessant und lohnenswert, es wird wohl auf meine Wunschliste wandern.
    Ich finde es super, dass die Challenge tatsächlich schon dafür gesorgt hat, dass wieder ein Mensch mehr dem Feminismus positiver gegenüber steht. Sowas freut mich immer, wenn Menschen sich mit etwas beschäftigen und merken, dass es nicht so schlecht ist, wie erst angenommen (mir ging es nicht anders mit'm Feminismus ;) ).
    LG Lexa