Eröffnungsfestival der Elbphilharmonie: Chicago Symphony Orchestra

Vor einer Woche hatten wir die Freude bei der internationalen Eröffnung der Elbphilharmonie in Hamburg dabei zu sein und das Chicago Symphony Orchestra live im Großen Saal zu erleben. Eines der besten Orchester der Welt brachte den neuen Konzertsaal, der mit seiner außergewöhnlichen Architektur beeindruckt, zum Klingen - und mich der klassischen Musik ein Stück näher.

Chicago Symphony Orchestra dirigiert von Riccardo Muti in der Elbphilharmonie in Hamburg am 14. Januar 2017

 

Für das erste Ziel der Postkarten-Rubrik mussten wir uns weder in einen Fernzug noch ins Flugzeug begeben: Nach gut 35 Minuten mit der U-Bahn steigen wir am Baumwall in Hamburg aus und können direkt einen Blick auf das viel diskutierte 110 Meter hohe Bauwerk werfen, das nach zehn Jahren Bauzeit in 2016 endlich fertig geworden ist. In der Dunkelheit kommt die Architektur der "Elphi" zwar nicht so gut zur Geltung, aber heute wollen wir das neue Wahrzeichen Hamburgs ja auch von innen bewundern.

 

Aussicht und äußere Optik haben wir schon vor einigen Wochen bei einem Besuch auf der Plaza in Augenschein genommen. Die Plaza ist täglich von 9 bis 24 Uhr geöffnet, Ticktes gibt es entweder vor Ort kostenfrei (am Wochenende lange Schlangen!) oder man bucht online für 2 Euro pro Person einen bestimmten Zeitslot.

 

Die Elbphilharmonie "Elphi" in Hamburg in der Hafencity
Der Blick auf den Hafen vom Panoramafenster der Elbphilharmonie "Elphi" Hamburg

Egal ob zum Konzert oder nur zum Besuch auf die Plaza: Der Weg in die Elbphilharmonie führt über die "Tube", eine 82 Meter lange, gebogene Rolltreppe, die direkt auf ein großes Panorama-Fenster zuführt. Dort kann man schon mal einen ersten Blick auf den Hamburger Hafen erhaschen, bevor es über eine zweite Rolltreppe weiter nach oben geht. 

Auf der Plaza befindet man sich auf dem historischen Sockel der Elbphilharmonie. Seit 1875 stand an dieser Stelle ein Lagergebäude für Kakao, Kaffee und andere Handelswaren. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der beschädigte Kaispeicher neu aufgebaut und beherbergt nun u. a. ein Parkhaus, Gastronomie und die Kaistudios für kleine Konzertformate und Proben. In 37 Meter Höhe können die Besucher die Elphi einmal komplett umrunden und Hamburg von einer neuen Perspektive betrachten. An den meisten Tagen des Jahres wird man hier auch ordentlich durchgepustet.

Blick von der Plaza der Elbphilharmonie "Elphi" Hamburg in Richtung Hafen bei Nacht
Wein an der Harbour Bar im 12. Obergeschoss der Elbphilharmonie "Elphi" in Hamburg

Wo für die Plaza-Besucher Schluss ist, geht es für uns heute Abend weiter die Treppen hinauf. Zum Glück ist überall freundliches Personal in maritim gestreiften Shirts und Frack positioniert, das den Gästen den Weg zur richtigen Garderobe weist. Schon hier ist die Architektur beeindruckend: Überall kann man durch die Glasfassade einen Blick auf Hafen oder Stadt werfen.

 

Ein Rundgang durch die einzelnen Foyers ist gleichzeitig auch ein Training für die Beine, denn es gilt einige Stufen zu überwinden. Daher stärken wir uns an einer der ersten Bars (für Besucher des Großen Saals gibt es insgesamt sechs) mit einem Weißwein und genießen das Flair, während die Vorfreude auf das Konzert wächst.

Pünktlich um 19:30 Uhr beginnt der Einlass in den hochgelobten Konzertsaal, wo sich Teile des Chicago Symphony Orchestras (CSO) bereits einspielen. Auch die Zuschauer laufen sich warm, während sie dem neuen Trend "Elphi-Selfie" nachgehen. 

Der große Saal der Elbphilharmonie Hamburg
Blick vom 15. Rang des Großen Saales der Elbphilharmonie Hamburg auf die Bühne

Der Große Saal wirkt auf den ersten Blick außergewöhnlich. Er ist nach dem Weinberg-Prinzip konstruiert, d.h. die Bühne ist in der Mitte und die Zuschauer verteilen sich auf ansteigenden Rängen ringsum. Keiner der 2.100 Musikfreunde, die im Saal Platz finden, soll dadurch weiter als 33 Meter von der Bühne entfernt sitzen. 

 

Wir nehmen im 15. Rang Platz und haben eine wunderbare Sicht auf die Bühne. Aber auch wer höher sitzt, sollte noch problemlos einen Blick auf die Musiker werfen können. Hier müssen es wirklich nicht die Karten der Preiskategorie 1 sein, um ein tolles Konzerterlebnis zu haben. Bei einem Orchester gibt es ja ohnehin nicht so richtig viel zu sehen.

 

Die Akustik wurde im Vorfeld der Eröffnung hochgelobt. Dafür verantwortlich soll u. a. die Wandverkleidung sein, die vom japanischen Star-Akustiker Yasuhisa Toyota entwickelt wurde. Sie soll ein optimales Klangerlebnis garantieren - egal wo man sitzt. Inzwischen wurden diese Aussagen ein wenig relativiert, einige Kritiker beschwerten sich über zu laute Plätze oder einen zu schrillen Klang. Was werden wir als Klassik-Laien hören?

Die Wandverkleidung "weiße Wand" im Großen Saal der Elbphilharmonie in Hamburg

Die "weiße Wand" der Elphi, die Wandverkleidung wurde individuell gefräst und soll den Schall in alle Richtungen reflektieren.

Dass man wirklich jedes Geräusch wahrnimmt, zeigt sich schon, bevor der Dirigent Riccardo Muti sein Podest betritt: Die erwartungsvolle Stille wird nur Sekunden nach ihrem Eintritt durch Husten von allen Seiten gestört und mündet schließlich in erheitertes Gelächter. Als dann die ersten Töne erklingen, füllen sie den ganzen Saal. Auch für die weniger versierten Klassikfans lässt sich der Zauber der Elphi, erfüllt von einem hochklassigen Orchester aus der amerikanischen Partnerstadt Hamburgs, fühlen. Das CSO spielt an diesem Abend folgendes Programm:

 

"Konzertmusik für Streichorchester und Blechbläser op. 50" von Paul Hindemuth

"In the South (Allassio) op. 50" von Edward Elgar

 

Pause

 

"Eine Nacht auf dem kahlen Berge" von Modest Mussorgsky / Nikolai Rimsky-Kosakow

"Bilder einer Ausstellung" von Modest Mussorgsky / Maurice Ravel

 

Als "raffiniertes Stück" kündigt das Programmheft die Eröffnung des Konzertes an. Die Kombination von Streichern und Blechbläsern klingt zuweilen harmonisch, an anderen Stellen eher improvisiert. Im Rückblick muss ich sagen, dass mir davon bis auf den Raum füllenden Klang am wenigsten in Erinnerung geblieben ist.

 

Die Streicher des Chicago Symphony Orchestra im Großen Saal der Elbphilharmonie Hamburg im Rahmen des Eröffnungsfestivals /  © Todd Rosenberg Photography

Nach dem ersten Stück wird auf der Bühne ein wenig umgebaut und das komplette Orchester nimmt für "In the South", eine Hommage an den italienischen Küstenort Alassio in der Nähe von Genua, seinen Platz ein. Die musikalischen Urlaubserinnerungen von Elgar versprühen tatsächlich italienisches Flair, gekrönt von dem besonders berührenden Solo der Bratsche. Spätestens jetzt habe ich mich "eingefühlt" - und es ist wunderschön. Als der Applaus durch die Halle schallt, ertappe ich mich bei dem Gedanken, dass die Hälfte schon vorbei ist - wie schade!

Riccardo Muti dirigiert das Chicago Symphony Orchestra im Großen Saal der Elbphilharmonie Hamburg /  © Todd Rosenberg Photography

Die Pause fällt relativ kurz aus. Wenn man sich nicht an der Bar anstellt (Pausen-Reservierungen sind nicht möglich), bleibt aber Zeit um auf einem der kleinen Balkone Luft zu schnappen und, soweit es ein frostiger Januarabend im Abendkleid zulässt, den Blick auf die Stadt zu genießen.

Blick auf Hafen und Stadt Hamburg von einem der Balkone der Elbphilharmonie Hamburg
Blick auf die Stadt Hamburg von einem der Balkone der Elbphilharmonie Hamburg

Mit einem eher "gruseligen" Stück geht es weiter: Der Hexentanz um Mitternacht ist das Thema der "Nacht auf dem kahlen Berge". Komponist Mussorgsky hat sein Werk nie selbst im Konzert hören können, denn die grellen Klänge wollte zu seiner Zeit niemand aufführen, weil sie zu schockierend waren. Erst als sein Kollege Nikolai Rimsky-Korsakow fünf Jahre nach Mussorgskys Tod eine etwas weniger drastische Version anfertigte, wurde das Stück zum Erfolg. Zum Glück für uns, denn aus meiner heutigen Sicht klingt der Hexentanz nach einem perfekten Soundtrack für einen guten Krimi (sollte ich vielleicht beim nächsten Thriller von Fitzek mal im Hintergrund laufen lassen!).

 

"Bilder einer Ausstellung" ist dagegen ein Zyklus aus zehn Sätzen, der zum Träumen einlädt. Jeder Satz ist von einem Bild der 1874 in St. Petersburg stattgefundenen Sonderausstellung des Künstlers Viktor Hartmann inspiriert. Dabei sind sowohl sehr ruhige als auch schwungvolle Sätze enthalten. Mit Glockengeläut endet das Stück und geht fast nahtlos in tosenden Applaus und "Bravo"-Rufen über. Das Publikum ist begeistert und erhebt sich nach und nach von seinen Plätzen. Wir sind unsicher, ob es nun wirklich schon vorbei ist oder ob auch Orchester Zugaben spielen. Als sich Dirigent Riccardo Muti zum Publikum wendet und das Wort ergreift, wird klar: Ein kleines bisschen Konzertzauber dürfen wir noch erleben. Als Zugabe erklingt die Overtüre zu "Les vêpres sicilliennes" von Guiseppe Verdi, auch das ist für mich ein Highlight. Ich könnte noch Stunden zuhören!  

Das Chicago Symphony Orchestra dirigiert von Riccardo Muti im Großen Saal der Elbphilharmonie Hamburg /  © Todd Rosenberg Photography
Das Chicago Symphony Orchestra dirigiert von Riccardo Muti in der Elbphilharmonie "Elphi" Hamburg / © Todd Rosenberg Photography

Doch dann ist es nach gut 2,5 Stunden wirklich vorbei - der erste Besuch in der Elbphilharmonie. Welch ein Glück wir hatten einem Weltklasse-Orchester in einem der besten Konzertsäle der Welt lauschen zu dürfen! Wir steigen die vielen Treppen wieder hinab, schnappen uns unsere Jacken an der Garderobe, werfen noch einen letzten Blick auf den beleuchteten Hafen, rollen langsam die Tube hinunter und finden uns im eisigen Winterwetter vor dem Eingang wieder. 

 

Liebe Elphi, danke für diesen großartigen Abend! Du glänzt nicht nur von außen, auch deine inneren Werte haben uns überzeugt. Das Warten und die Investitionen haben sich gelohnt, wir kommen ganz bestimmt wieder!


Für alle, die sich selbst ein Bild machen wollen:

Die Konzerte für die aktuelle Saison sind alle restlos ausverkauft. Das Programm für die neue Spielzeit soll im Frühjahr 2017 veröffentlicht werden. Da der Ansturm auf Tickets auch dann wieder groß sein wird, solltet ihr euch den Newsletter der Elbphilharmonie (ganz unten auf der Seite) abonnieren, um den Verkaufsstart nicht zu verpassen. 

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Kommentare: 3
  • #1

    Kerstin Mey (Samstag, 21 Januar 2017 16:19)

    Wunderschön geschrieben. Man bekommt richtig Lust so schnell wie möglich eine Eintrittskarte zu ergattern!

  • #2

    Astrid (Sonntag, 22 Januar 2017 03:16)

    Da kann ich nur zustimmen: toll und spannend geschrieben! Ich bin immer noch ganz neidisch und fest entschlossen, euch einen Besuch irgendwann nachzumachen ;-)

  • #3

    Anne (Montag, 23 Januar 2017 18:55)

    Ganz lieben Dank!