Die Zerstörung eines Traumbildes: "Girl on the train"

 

Mit diesem Buch habe ich schon eine Weile geliebäugelt, denn Optik und Inhalt erinnerten mich stark an „Gone Girl“ und diese Geschichte habe ich in kurzer Zeit verschlungen. Schließlich habe ich es auf meine Weihnachtswunschliste gesetzt und so viel vorweg: Das war eine gute Entscheidung!

Die Story nimmt zunächst nur gemächlich Fahrt auf – wie der Zug, in dem die 33-jährige Engländerin Rachel jeden Tag von Ashburry nach London pendelt. Täglich bleibt die Bahn an der gleichen Stelle der Strecke stehen und Rachel, die sich auf der Heimfahrt gern den ein oder anderen Drink gönnt, hat Gelegenheit einen Blick in die Häuser und Gärten der Anwohner zu werfen. Die kurzen Sequenzen, die sie täglich aus dem Leben der Menschen an den Gleisen wahrnimmt, fügt sie in ihrer Fantasie zu einem romantisierenden Traumbild zusammen. Ihre liebsten Akteure sind dabei Jason und Jess, ein vermeintliches Traumpaar, das so liebevoll miteinander umgeht und die all das haben, was sich die Beobachterin erträumt: „Sie sind das, was ich früher war. […] alles, was ich gerne wäre.“ Denn nur wenige Häuser weiter scheiterte ihr eigener Traum: Dort, wo jetzt ihr Exmann Tom mit seiner neuen Frau Anna und deren Tochter wohnt, war einst Rachel Zuhause und wünschte sich sehnlichst ein Kind. Doch als ihr Wunsch sich nicht erfüllte, zerbrach ihre heile Welt Stück für Stück und ließ sie als gebrochene junge Frau zurück. Nun bleibt ihr nur noch die Rolle der Außenstehenden, die abgesehen vom Alkohol keinen Anker mehr zu haben scheint, bis auf die wenigen Minuten am Tag, die sie in das Leben anderer Menschen eintaucht.

 

Im zeitlichen Ablauf knapp ein Jahr zuvor lässt die Autorin den Leser auch in Megans Gedankenwelt eintauchen. Bei der „Jess“ aus Rachels Fantasiewelt handelt es sich in der realen Welt um eine gelangweilte Ehefrau, die nur wenig mit Rachels Beschreibungen zu tun hat. Megan führt weder eine perfekte Ehe noch ein erfülltes Leben, stattdessen leidet sie unter Panikattacken und Schlaflosigkeit und wird von nur einem Gedanken verfolgt: „Ich will flüchten.“

 

Immer wieder springt der Leser zwischen Rachel und Megan hin und her und erfährt mehr und mehr Details aus dem Leben der beiden Frauen. Die Spannung wird dadurch geschickt aufgebaut und lässt den Leser nicht mehr los bis das Unvermeidliche passiert: Megan verschwindet spurlos. Der Leser teilt seine Gedanken mit Rachel: „Irgendwas schlimmes war dort passiert, das war mir klar.“ Rachels Rolle in diesem Drama ist unklar, insbesondere da ihr jede Erinnerung an den vorherigen Abend fehlt, aber genau wie den Leser treibt es sie an zu wissen, was passiert ist. Sie nimmt Anteil am Schicksal der jungen Frau, die ihr auf eine merkwürdige Weise nah ist: „Es war ein surreales Erlebnis sie auf diese Weise präsentiert zu bekommen – diese perfekte Blondine, die ich beobachtete, deren Leben ich in meinem Kopf zusammengesetzt und wieder auseinander genommen hatte.“

 

Rachel nimmt den Leser mit auf die Reise zur Entdeckung der dunklen Wahrheit, verstrickt sich dabei selbst immer mehr in ihre Probleme, deren Ursache vor allem flüssiger Natur ist: „Die betrunkene Rachel interessiert sich nicht für Konsequenzen, sie ist entweder übertrieben mitteilsam und optimistisch oder von Hass erfüllt – Sie kennt keine Vergangenheit und keine Zukunft.“ Die Hauptfigur macht mit ihrem selbstzerstörerischen Verhalten zeitweise wütend und weckt gleichzeitig das Gefühl, man müsse ihr helfen, während man sich unaufhaltsam der Lösung nähert. 

Der schnörkellose Schreibstil von Paula Hawkins ist klar und sachlich und treibt die Story in einer guten Geschwindigkeit voran. Die Autorin verzichtet auf Ausschmückungen und unnötige Ausflüge in unwesentliche Details. Durch die Perspektivwechsel, die im Verlauf der Story auch noch durch Anna, die neue Frau von Rachels Ex, ergänzt werden, verdichten sich die Charaktere zunehmend und geben Stück für Stück preis, dass nichts ist wie es scheint – und schon gar nicht so wie Rachel es sich erträumt hat.

 

Fazit: Wer ein Fan von „Gone Girl“ ist, wird auch die Story von Paula Hawkins zu schätzen wissen. Auch wenn die Autorin von „Girl on the train“ den Vergleich stets verwehrt, mit den Perspektivwechseln bedient sie sich des gleichen Stils wie Gillian Flynn und baut ebenfalls eine Spannung auf, die sich auch nach Ende der Lektüre nicht so leicht abschütteln lässt. Für mich eines der besten Bücher, die ich 2016 in diesem Genre gelesen habe und damit nicht umsonst in den Bestseller-Listen. Klare Leseempfehlung von mir!

 

 

 

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Kommentare: 5
  • #1

    Julia | Literameer (Mittwoch, 04 Januar 2017 13:57)

    Liebe Anne,

    deine Rezension gefällt mir sehr gut. Hätte ich das Buch nicht schon gelesen, würde ich es jetzt sicherlich lesen wollen. Ich hab "Gone Girl" erst danach gelesen und war deswegen frei von Vergleichen. Ich fand die Perspektive sehr interessant. An Rachel fand ich spannend, dass sie sich selbst durch ihre Black Outs und verzerrte Wahrnehmung nicht trauen konnte und man das als Leser auch nicht konnte.

    Ich habe mir gerade auch "Über den Hof" angeschaut. Das ist ja mal ein wirklich schöner Name! Sowohl als Nachname als auch als Blogname.

    Liebe Grüße,
    Julia

  • #2

    Astrid (Mittwoch, 04 Januar 2017 22:04)

    Ist nach dieser Rezension direkt auf meiner Leseliste gelandet!

    Deine Beiträge könnten für mich ein kleiner Ersatz für unseren "Kammer-Lesezirkel"werden ;-)

  • #3

    Janine (Montag, 09 Januar 2017 14:17)

    Ohhh liebe Anne, ich liiiiebte dieses Buch :D
    Eigentlich mag ich keine düsteren Bücher, da sie mir (genauso wie Filme) Albträume verursachen, aber dieses Buch war zu mitreissend, um es nur für eine Sekunde weg zu legen - bin ein grosser Fan :)
    Liebe Grüsse
    Janine
    https://www.yourstellacadente.com/

  • #4

    Anne (Montag, 09 Januar 2017 15:39)

    Ich danke euch für die lieben Worte!

  • #5

    Steffi B. (Samstag, 14 Januar 2017 20:16)

    Wow, das hört sich gut an! Ich habe das Buch leider noch nicht gelesen, aber "Gone girl" gehört auf jeden Fall zu meinen Lieblingsbüchern. Ich denke, ich werde "Girl on the train" gleich mal meiner Wunschliste zufügen ;).
    Ganz liebe Grüße,
    Steffi